06. August 2011

Der Künstler Il-Jin ATEM Choi im Gespräch über den Ursprung seiner Arbeit, das Ausloten der Möglichkeiten mit der Sprühdose und Irritation, die Freude bereitet.

Von Fabian Famulok

Der 1981 in Moers geborene Künstler Il-Jin Choi lebt und arbeitet in Frankfurt am Main. Nach Frankfurt gezogen ist er wegen der Anstellung in einer Unternehmensberatung, doch das ist längst passé. Begonnen hat die künstlerische Laufbahn von il-Jin Choi, Künstlername ATEM, mit der Sprühdose – Graffiti hat ihn früh geprägt. Inzwischen ist der Künstler mit seiner Arbeit auf den ersten Blick weit weg von Graffiti. Doch bei genauerem Hinsehen verleugnet er seinen Ursprung nicht – ganz im Gegenteil. Er betreibt die Kunst mit der Sprühdose auf dem nächsten Level.
Im Rahmen von PLAYING THE CITY 3 der SCHIRN Kunsthalle findet am 23. und 24. August die Aktion „Playing Them Trees“ am Mainufer und in den Parkanlagen in Frankfurt statt. Il-Jin ATEM Choi verleiht, in Kooperation mit Becker Schmitz und Holger Kurt Jäger, den Bäumen menschliche Züge.

Fabian Famulok: Du hast ein abgeschlossenes Studium der Wirtschaftswissenschaften und in Frankfurt in einer Unternehmensberatung gearbeitet. Diesen Beruf hast Du zu Gunsten der Kunst aufgegeben. Hast Du Dich schon immer parallel mit Kunst auseinandergesetzt?

Il-Jin Choi: Ja, anfangs vor allem mit der Sprühdose. Zeichnungen auf Papier und Graffiti haben mich geprägt. Man könnte sagen, dass zwei Herzen in meiner Brust schlagen. Das zieht sich in vielen Aspekten durch mein Leben. Aber bei wem tut es das nicht?

FF: Du fertigst inzwischen viele Auftragswerke an?

I-JC: Auf jeden Fall tue ich das unter anderem. Aber so oft es geht arbeite ich gerne so frei wie möglich. Ich habe für die neuen Büros von Google in Düsseldorf eine Graffiti- Auftragsarbeit gemacht. Das war dann zwar auftragsbezogen, aber bei Stil und Umsetzung war ich verhältnismäßig frei.

FF: Es klingt als würdest Du bisher auch ohne Galerie gut zurechtkommen.

I-JC: Ich komme zurecht – gut ist in diesem Zusammenhang relativ. Aber ich nehme zum Beispiel im September an der Gruppenausstellung „fish with broken dreams – Annäherungen an den Raum“ in der Frankfurter Galerie Heike Strelow teil. Das ist meine erste Galerieausstellung in Frankfurt. Dort präsentieren sich fünf Positionen, die alle mit dem dreidimensionalen Raum arbeiten. Ich werde Zeichnungen zeigen, die einen räumlichen Effekt haben und bin gespannt, wie sie angenommen werden.

FF: Wenn man Deine Arbeiten betrachtet, bekommt man den Eindruck, Du hast Dich inzwischen von dem „traditionellen“ Graffiti-Gedanken emanzipiert.

I-JC: Ja, ich habe inzwischen eigentlich vorwiegend in anderen Kontexten gearbeitet. Zum Beispiel im Nassauischen Kunstverein Wiesbaden bei der Gruppenausstellung „ … so schön?“, wo mein Freund und Kollege Becker Schmitz und ich die „Brennstoffzelle“ gemacht haben, bei der wir mit Haftnotizzetteln einen ganzen Raum ausgekleidet haben. Es war eine tolle Atmosphäre dort. Ich hätte nicht gedacht, dass man Gelb riechen kann, geradezu synästhetisch. Der Geruch von den Post-Its, von dem Kleber, der einem in die Nase gestiegen ist, hat sich bei mir untrennbar mit der Farbe Gelb verbunden.

FF: Du transferierst Graffiti in eine andere Richtung, arbeitest mit den Graffiti-Bestandteilen in einem anderen Kontext?

I-JC: Genau. Zum Beispiel gibt es den wichtigen Schritt über die abstrakten Symbole und Zeichen der Schrift des Graffitis hinaus. Die Striche bei „Die Linie als Erkenntnis“, einer Ausstellung in Huarte, Spanien, sind keine Buchstaben, sondern in einem Graffiti-Duktus – weil mit der Sprühdose und in einer bestimmten Technik gefertigt – abstrahiert. Sozusagen auf die Wurzel reduziert und weiter gedacht.

FF: Wie ist das Projekt „Playing Them Trees“ für PLAYING THE CITY entstanden?

I-JC: Becker Schmitz hat mich und unseren gemeinsamen Freund und Kollegen Holger Kurt Jäger gefragt, im Zuge der Oberhausener „Local-Heroes-Woche“, die im Rahmen von Ruhr 2010 stattfand, eine Arbei im Kaisergarten zu realisieren. Wir sind auf die Idee gekommen mit Stretch Folie und Bäumen zu arbeiten und damit eine Irritation für die Besucher des Kaisergartens zu schaffen, die gleichzeitig Freude bereitet. Die Besucher, vor allem auch die Kinder, haben sich für diese Bäume, auf die wir Gesichter mit der Sprühdose gemalt haben, begeistert. So haben wir gemeinsam mit den Kindern die Bäume im Park mit sehr individuellen und bunten Gesichtern verziert.

FF: Wie seid ihr zu PLAYING THE CITY gekommen? Wie ist die Zusammenarbeit entstanden?

I-JC: Ich hatte von den zwei vorigen Veranstaltungen PLAYING THE CITY natürlich gehört. Und da ich sowieso im öffentlichen Raum arbeite hatten sich bereits einige Ideen materialisiert. Ich war überzeugt, dass „Playing Them Trees“ wunderbar in diesen Kontext der partizipativen Kunst im öffentlichen Raum passen könnte. Weil bei PLAYING THE CITY die Grünflächen und Bäume, die ja zu Frankfurt, zur Stadt gehören, bisher nicht im Fokus standen. Ich habe also das Projekt dem Kurator Matthias Ulrich vorgeschlagen. Ihm hat es gefallen – was mich sehr freut.

FF: Vielen Dank für das Gespräch!

Weitere Informationen unter:

www.atemmeta.de
www.playingthecity.de