18. März 2018

Musiker und Sänger Byron Deloatch lässt am 22. März im CROWN CLUB den experimentierfreudigen Geist von Jean-Michel Basquiat aufleben. Im Gespräch erzählt er, was ihn von Kindheit an mit dem Künstler verbindet.

Von Markus Woelfelschneider

Multitalent Byron Deloatch, in der Frankfurter Partyszene bekannt geworden mit kreativen Koch-Events und Auftritten als Bandleader und Sänger, hat als Treffpunkt für unser Interview eines seiner Lieblingsrestaurants vorgeschlagen: den Mexikaner „Fonda de Santiago“ im Nordend. Hier ist er Stammgast, man kennt seine Gewohnheiten. Doch als ihm der Kellner einen Margarita servieren will, winkt Deloatch entschieden ab. „Seit ich weiß, dass ich im März in der Schirn singen werde, verzichte ich meiner Stimme zuliebe auf Alkohol.“

Wer war Jean-Michel Basquiat in Ihren Augen?

Ich stelle ihn mir gerne als einen Kometen vor, der einen riesigen Ionenschweif hinter sich herzieht. So wie der Halleysche Komet ist auch Basquiat eine absolute Ausnahmeerscheinung, wie man sie auf der Erde vielleicht nur einmal im Leben zu Gesicht bekommt. Basquiat ist, um im Bild zu bleiben, schnell verglüht – dank seiner Kunst jedoch unsterblich.

Wann sind Sie auf ihn und seine Kunst aufmerksam geworden?

Bereits als Kind. Die Tatsache, dass mein Vater vor meiner Geburt einige Jahre in New York lebte, hat mein Interesse für die dortige Kunst- und Musikszene geweckt. Der Name Basquiat, der ja eng mit einigen Pionieren des Hip-Hop verknüpft ist, fiel bei mir im Elternhaus schon früh. Wie die meisten Kinder der Achtziger bin ich mit MTV aufgewachsen. Ich war Fan der Sendung Yo! MTV Raps, die von Fab Five Freddy gehostet wurde, der mit Basquiat befreundet war und mit ihm gemeinsam Musik machte. MTV war mein Einstieg in die Hip-Hop-Kultur. Später begann ich dann tiefer in der Musikgeschichte zu graben.

Fab 5 Freddy, Image via: ilovegraffiti.de 

Am 22. März bespielen Sie den Crown-Club der Schirn – eine Art Pop-Up Club, der dem legendären New Yorker Mudd Club nachempfunden ist, in dem Basquiat Stammgast war. Was erwartet uns an dem Abend?

Eine musikalische Zeitreise, die mit Disco, Funk und Soul startet und dann zunehmend elektrischer wird. Aber natürlich spielt auch Jazz eine Rolle, den Basquiat so liebte. Mir geht es darum, die Energie und den Magnetismus einzufangen, der in New York zwischen den Jahren 1979 und 1988, Basquiats Todesjahr, herrschte. Ende der Siebziger lag Disco im Sterben. New York war in einer Finanzkrise. Während dieser Untergangsstimmung entstanden neue Genres wie Hip-Hop, Breakbeat und Boom Bap.

1979 war auch das Jahr, in dem Basquiats Stern zu leuchten begann und sein Name immer mehr ins Bewusstsein der Leute rückte. Als er mit seiner Kunst zu Geld kam, begann er damit, ausschweifende Partys in seinem Apartment zu schmeißen. Gäste wurden etwa mit Champagner und Kaviar empfangen. Mit Champagner und Kaviar werden wir auch die Besucher des Crown Club auf unser Programm einstimmen. Im Laufe des Abends werde ich singen, unterstützt von dem DJ Sven Hergenhahn und dem Saxophonisten Ersan Kenanov. Außerdem gibt es ein weiteres DJ-Set von Josh Johnson.

(c) Byron Deloatch

Wie sollte man im Club gekleidet sein, wenn man dem Dresscode der Zeit entsprechen will?

Komm ruhig im Pelz oder mit aufwendig gestylten Haaren. Wenn dir danach ist, zieh High Heels an – aber vergiss auf keinen Fall ein zweites paar Schuhe zum Tanzen mitzubringen! Die Mode war damals durchaus luxuriös und elegant – auch im Mudd Club, der sich ja zunächst als weniger schicke Alternative zum Studio 54 etablierte, schnell aber ebenfalls recht glamourös wurde. Andererseits kannst du aber auch wie ein B-Boy oder B-Girl gekleidet sein: Kangol-Hüte und Dookie-Chains waren damals angesagt.

Streetwear oder Glamour – beides ist möglich. Jemandem wie Basquiat ging es ja auch immer darum, die unterschiedlichsten Stile miteinander zu kombinieren. Sein Musikgeschmack reichte von Jazz über Punk und New Wave bis zu Hip-Hop. Er war eine komplexe Persönlichkeit, die sich in keine Schublade stecken ließ und mutig Genregrenzen eingerissen hat. Das ist es, was ich an ihm so schätze.

Für Jean-Michel Basquiats musikalische Sozialisation soll die Plattensammlung der Eltern prägend gewesen sein. Was war Ihr erster Kontakt mit Musik?

Eindeutig Gospel. North Carolina, wo ich aufgewachsen bin, gehört ja zum sogenannten Bibelbelt. Gospel hat dort eine lange Tradition. Als Kind habe ich im Kirchenchor gesungen. Später, an der Uni, war ich in einer Doo-Wop-Band. Was Musik betrifft, bin ich Autodidakt. Ich hatte niemals Unterricht. Für die Menschen im Süden der USA ist Musik etwas völlig Selbstverständliches. Als ich 2006 nach Deutschland zog, wo Musik nicht denselben Stellenwert hat, war das für mich erst einmal ein Kulturschock. In der Folge wuchs in mir das Bedürfnis, mich auszudrücken.

Also gründete ich meine erste Band, mit der ich regelmäßig im Frankfurter Club Nu Soul auftrat. Einige Musiker von damals spielen nun auch in meiner aktuellen Band Byron Deloatch and The Love at First Sound Experience. Mein wichtigstes Instrument ist die Stimme. Ich verstehe mich aber nicht bloß als Soulsänger, sondern als mit einer Gabe gesegnetes Gefäß, durch das Kreativität fließt. Sie bricht sich einfach Bahn – und bedient sich dabei der unterschiedlichsten Ausdrucksformen.

Ihre Auftritte – zum Beispiel während der Nullerjahre im Rahmen der Partyreihe „Visonaries and Icons“ im Club Nu Soul – sind meist leidenschaftliche und höchst eigenständige Hommagen an afroamerikanische Musikgrößen wie Marvin Gaye, John Legend oder R. Kelly. Schreiben Sie eigentlich auch eigene Songs?

Ja, aber nur für mich ganz privat. Nichts für die Öffentlichkeit. Ich produziere und schreibe Songs, aber auch Gedichte. Literatur interessiert mich sehr. Einer meiner Lieblingsautoren ist James Baldwin.

Jean-Michel Basquiat war ein großer Fan der Charlie Parker Biographie „Bird Lives!“, die der Autor Ross Russel geschrieben hat. Er verschenkte das Buch sogar an Freunde. Interessieren Sie sich ebenfalls für die Biographien Ihrer musikalischen Vorbilder?

Wenn mich etwas wirklich berührt, interessiert mich immer auch die Geschichte dahinter. Ich verstehe mich als kritischen Konsumenten. Wenn ich etwas kaufe, dann investiere ich in eine Geschichte. Egal, ob es sich um eine Schallplatte oder ein Kleidungsstück handelt. Die Sneaker an meinen Füßen verbinden mich zum Beispiel mit der Historie von Nike, zu der für mich ganz klar auch der Basketballstar Michael Jordan gehört. Oder guck dir meinen Schal hier an! Siehst du wie schön er verarbeitet ist? Den hat meine Mutter gestrickt. Es ist doch immer schön zu wissen, wer hinter den Dingen steckt.

Charlie Parker, Photo: BBC/Herman Leonard, Image via: telegraph.co.uk

Basquiats Kunstwerke enthalten etliche Anspielungen auf Jazz-Größen wie Miles Davis, Charlie Parker und Louis Armstrong. Was bedeutet Ihnen diese Tradition?

Sehr viel. Wir reden hier immerhin von der amerikanischen Klassik. Schau dir New Orleans an: Die ganzen Gewürze, die dort in der Luft liegen, du kannst Sie in der Musik von Louis Armstrong förmlich riechen. New Orleans ist nicht nur die Wiege des Jazz, sondern auch kulinarische Welthauptstadt. Jazz und Kochen haben für mich viel gemeinsam. Wenn meine Mutter früher bei uns zuhause Soul Food zubereitete, experimentierte sie auch mit den unterschiedlichsten Zutaten. Alles war Improvisation.

Sie kochen selber gerne…

Absolut. Die allererste Veranstaltung, die ich nach meinem Umzug nach Deutschland auf die Beine stellte, war kein reines Musik-, sondern ein Koch-Event im Club Michel. Mittlerweile habe ich dort schon öfter, aber auch an anderen Orten, gekocht.

Angenommen Jean-Michel Basquiat würde heute noch leben. An welchen Orten würde er feiern?

Er würde definitiv seinen eigenen Club gründen.