02. August 2017

Von den Nazis aus der Dresdner Akademie vertrieben, flüchtete Otto Dix mit seiner Familie in die Idylle des Bodensees. Sein Wohnhaus dort ist heute ein wunderbares Museum. Dix Arbeiten sind im Herbst in Frankfurt zu sehen.

Von Alexander Jürgs

Der Blick geht weit. Über ein paar Häuserdächer, über alte Bäume, über den Untersee, auf dem einige kleine Segelboote schippern, bis hinüber auf die Schweizer Seite. Was für ein Idyll, was für eine sanfte, wie dahingemalte Landschaft. Auch Otto Dix wusste, wie einzigartig diese Gegend ist, doch es machte ihn nicht glücklich. „Ein schönes Paradies, zum Kotzen schön“: So beschrieb der Künstler sein Exil am Bodensee. 1933 hatte er – als einer der ersten – seine Professur an der Dresdner Akademie verloren. Den Nazis war der Maler der Neuen Sachlichkeit, der die Schattenseiten der Weimarer Republik in seinen Werken dokumentierte, mehr als ein Dorn im Auge. Seine Bilder waren wie ein Gegenentwurf zur völkischen Erbauungskunst, die die neuen Machthaber forderten.

Südansicht des Hauses, Foto: Kunstmuseum Stuttgart, © Kunstmuseum Stuttgart

Mit seiner Frau Martha und den drei Kindern Nelly, Ursus und Jan siedelte Dix in die Bodenseeregion über, zunächst nach Randegg und später, 1936, in ein neugebautes Haus in Hemmenhofen auf der Halbinsel Höri am Untersee. 33 Jahre, bis zu seinem Tod im Jahr 1969, sollte der Künstler mit seiner Familie hier leben (und auch seinen Frieden mit der Landschaft finden). Heute ist das Haus ein spektakuläres Museum, wunderbar restauriert, ein Ort, der einen hervorragenden Eindruck vom Leben des Künstlers vermittelt. 

Dokumentarist der Weimarer Republik 

Im Herbst wird Otto Dix in der SCHIRN-Ausstellung „Glanz und Elend in der Weimarer Republik“ eine wichtige Rolle einnehmen. Seine Malereien prägen bis heute das Bild, das wir uns von der Zwischenkriegszeit machen und erzählen kritisch und direkt von der enormen sozialen Not genauso wie vom pulsierenden Leben der Großstadt in der Weimarer Republik. Als Dix nach Hemmenhofen zog, da hatte er einen Großteil dieser Bilder mit dabei. Das „Bildnis der Tänzerin Anita Berber“, das Triptychon „Großstadt“, der „Triumph des Todes“: All diese längst weltberühmten Gemälde hingen damals an den Wänden des schlicht-modernen Landhauses am Bodensee. Entworfen hatte es der Dresdner Architekt Arno Schleicher, erbaut wurde es in nur wenigen Monaten.

Eingangsbereich des Museum Haus Dix, Foto: die arge lola, © Kunstmuseum Stuttgart
Die Familie Dix auf dem Balkon ihres Hauses, © Jan und Andrea Dix, Öhningen
Ehemaliges Atelier von Otto Dix, Foto: die arge lola, © Kunstmuseum Stuttgart

Auch heute kann man diese Bilder dort noch entdecken – nicht als Originale, sondern als Schattenrisse in grauen Farbtönen. Weil die Ausstellung in seinem Wohnhaus so genau wie nur möglich davon erzählen will, wie die Familie Dix dort lebte, wurde die Einrichtung möglichst originalgetreu inszeniert. Die Skizzen der Bilder sind heute dort angebracht, wo sie hingen, als der Künstler hier einzog. Das Haus selbst gehörte allerdings gar nicht ihm, sondern allein seiner Frau Martha. Sie stammte, anders als der Maler, aus einer wohlhabenden Familie.

Die Nähe zur neutralen Schweiz

Das Grundstück hatte ihnen Walter Kaesbach, der frühere Direktor der Düsseldorfer Kunstakademie, vermittelt. Auch er war von den Nazis entmachtet worden und nach Hemmenhofen gezogen. Wahrscheinlich spielte die Nähe zur neutralen Schweiz – gerade einmal zehn Kilometer sind es in die Grenzstadt Stein am Rhein – bei der Entscheidung, auf die Halbinsel Höri zu ziehen, für die Künstler eine wichtige Rolle. Einen Beleg dafür gibt es jedoch nicht.

Esszimmer mit Abdruckbild von Otto Dix (Triumph des Todes, 1934), Foto: die arge lola, © VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Der Rundgang durchs Haus gleicht einer Reise in die Vergangenheit. Im Erdgeschoss entdeckt man das Klavier, auf dem Martha regelmäßig spielte. Daneben die Notenhefte: Bach, Beethoven, Brahms. Und ein altes Grammophon, auf dem Schellackplatten abgespielt wurden. Die Dix-Familie war gesellig: dass Feste gefeiert wurden, dass Gäste zu Besuch kamen, war in Hemmenhofen keine Seltenheit. Über eine ausladende Holztreppe geht es ins erste Geschoss, wo sich das Atelier des Künstlers befand. Der Raum ist groß, grau, aufgeräumt, in der Mitte eine Staffelei, ein riesiges Fenster lässt das Licht herein. Dix hatte dieses Fenster zu einem doppelt verglasten, geräumigen Kasten erweitern lassen. Häufig spielten seine Kinder darin, während er selbst im Atelier arbeitete. Wurden sie zu laut, dann schmiss der Künstler sie raus. 

Landschaftsbilder – das war doch Emigration 

An der Wand hängen einige Originale, Blumenbilder in expressivem Stil. Dix hat seinen Malstil während der Zeit in Hemmenhofen stark verändert, häufig hat er in der freien Natur gearbeitet. Morgens war er im Atelier, nachmittags draußen. „Ich habe Landschaften gemalt – das war doch Emigration“, erklärte er später, im Gespräch mit dem Schriftsteller und Fotograf Hans Kinkel, diesen Bruch. Sein Wandel im Stil sollte auch dafür verantwortlich sein, dass es Dix nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nicht wieder gelang, an seine Karriere vor der Nazi-Zeit anzuschließen. Obwohl er 1955 bei der ersten „Documenta“ ausstellte, dauerte es lange, bis die Wertschätzung für sein Werk wiederkam.

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Ostansicht des Hauses, Foto: Kunstmuseum Stuttgart, © Kunstmuseum Stuttgart
Musikzimmer mit Abdruckbild von Otto Dix (Großstadt, 1927/28), Foto: die arge lola, © VG Bild-Kunst, Bonn 2017

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