07. August 2017

Der Hamburger Bahnhof in Berlin lädt mit einer umfassenden Ausstellung zu einem Erkundungsspaziergang durch die Geschichte der noch jungen Gattung Installationskunst ein.

Von Darja Zub

Gemaltes und Arrangiertes, Installiertes, teils Gespiegeltes, Texte und Kommentare, Klänge von Instrumenten oder doch ein Video in der klassischen Black Box. All das können künstlerisch überzeugende Installationen sein. Im Hamburger Bahnhof in Berlin  kann man gerade gut ablesen, wie virtuos die Kunstgattung „Installation“ und ihre erzählende Struktur sein kann.

Für eine umfangreiche historische Retrospektive bestückte der Hamburger Bahnhof mit der Ausstellung „moving is in every direction. Environments – Installationen – Narrative Räume“ ganze 3500 Quadratmeter. Neben den Pionieren wie u.a. Allan Kaprow sind auch Video-, Licht und Soundinstallationen von Qin Yufen und Susan Philipsz zu sehen. 

Installation im Museum 

Installationen werden für bestimmte Räume konzipiert, für einen bestimmten Moment des Erlebens. Das lehrt Allan Kaprow 1958, der davon überzeugt ist, dass Kunst in einem Raum „begangen werden muss“. Der amerikanische Konzeptkünstler, der für seine ephemeren „Happenings“ in inszenierten Räumen bekannt ist, gilt als Pionier der zeitgenössischen Installationskunst. Kaprow hinterließ nach seinem Tod Anweisungen zur Wiederverwendbarkeit seiner raumfüllenden Werke und legte damit den Grundstein für das Ausstellen von Kunstinstallationen im musealen Umfeld.

Edward KienholzVolksempfängers, 1975 / 1977, © Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof, Jan Windszus, Estate of Edward Kienholz, 2017

Künstler wie Dan Flavin und Bruce Naumann bringen mit Ihren Lichträumen den Begriff der „Situation“ in die Gattung ein, mit Joseph Beuys erhält auch die Skulptur als Teil des „Environments“ Einzug in den Definitionskanon raumfüllender Kunst. Allen gemeinsam ist die Narration. Der Raum selbst sagt mehr als tausend Worte, das Narrative basiert auf der sinnlichen und physischen Erfahrung des Betrachters, der durch die Kunstinstallation schreitet. Die Ausstellung schöpft aus diesen verschiedenen künstlerischen Positionen eine Dialektik des Raumes, angefangen mit Kaprow in den frühen 60er-Jahren bis hin zur „Installation Art“ der Gegenwart. 

Klang und Raum 

Aufgenommene Töne von Instrumenten, die während des Zweiten Weltkriegs beschädigt wurden, kommen aus Lautsprechern an der Decke der Ausstellungshalle. Zeitversetzt ertönen Trompete, Horn und Tuba. Ein einzelner Ton, für sich selbst stehend, bis er sich mit den anderen zu einer epischen Geräuschkulisse zusammenfügt. Auf eindringliche Art und Weise erfüllen die fragmentierten Klänge der Soundinstallation „War Damaged Musical Instruments“ (2015) den sonst völlig leeren Ausstellungsraum. Die Lautsprecher sind unterschiedlich ausgerichtet und laden zur Bewegung durch den Klangraum ein. Das Begehen gehört zum festen Teil der akustischen und sinnlichen Erfahrung von Susan Philipszs künstlerischer Arbeit. Das Werk scheint mit dem Besucher zu kommunizieren.

Susan Philipsz: War Damaged Musical Instruments (Shellac), 2015. Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie, Foto Jan Windszus, © The artist and Konrad Fischer Galerie

Eine Wolke aus silbernem Stacheldraht und darunter Bambusrohre, ein Messbecher mit Rührstäben, ein Nudelsieb, ein Stuhl, eine Plane, ein Schutzhelm und eine Schubkarre: Das Raumwerk „Making Paradise“ (1996 – 2002) der chinesischen Künstlerin Qin Yufen besteht aus typisch chinesischen Gegenständen, die westlichen Objekten gegenüberstehen. Diese Konfrontation der Kulturen ist Charakteristikum Yufens künstlerischer Auseinandersetzung. Die 6-Kanal Soundinstallation „Making Paradise“ ist bestes Beispiel für die Vielfalt der Erzählweise von Installationskunst: sie funktioniert multisensuell. Die Farbigkeit, der Geruch, das Geräusch exotischer Klänge und die Stacheldrahtwolke stapeln sich zu einem spirituellen Raumerlebnis. 

Ein Netz knüpfen 

Der Ausgangspunkt für das Begreifen der Installationsarbeiten ist die von Gertrude Stein ausgerufene experimentelle Literatur aus den frühen 1920er-Jahren. Das bewusste Hinwegsetzen über sprachliche und literarische Konventionen Steins und die Hinwendung zum freien und nicht-linearen Erzählprinzip ist auch Grundlage für die Konzeption und Rezeption der gesamten Ausstellung. Die Anordnung der Arbeiten folgt keiner chronologischen Logik. Vielmehr lädt die Ausstellung dazu ein, ein Assoziationsnetz zwischen den räumlichen und narrativen Referenzen zu knüpfen und ermöglicht einen faszinierenden Erkundungsspaziergang durch die Kunstgeschichte der Installation.

Mit den Künstlern: Marcel Broodthaers, Peter Fischli/David Weiss, Isa Genzken/Wolfgang Tillmans, Ilya Kabakov, Susan Philipsz, Pipilotti Rist, Bunny Rogers, Gregor Schneider, Thomas Schütte, Christopher Kulendran Thomas und Wolf Vostell.

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Qin YufenMaking Paradise, 1996 – 2002, © Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof, SMB, Foto: Jan Windszus, VG Bild-Kunst Bonn, 2017
Christopher Kulendran Thomas in Zusammenarbeit mit Annika Kuhlmann, New Eelam, 2017, Courtesy the artists, © Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof, SMB / Jan Windszus