05. Juli 2016

Brutale Zerstörung oder eruptive Innovation – das Motiv der Explosion findet sich in der Kunstgeschichte in sehr unterschiedlichen Formen.

Von Katharina Knacker

Peter Halley hat in der Rotunde der SCHIRN auf der gesamten Fensterfläche das sich wiederholende Motiv einer Explosion aufgebracht. Was verbinden Halley und andere Künstler mit Explosionen – dem plötzlichen Freisetzen von großen Energiemengen – brutale Zerstörung oder eruptive Innovation? Das SCHIRN MAG hat sich auf die Suche nach Explosionen in der Kunst gemacht.

ROY LICHTENSTEIN

Lichtenstein begann 1962 Darstellungen von Explosionen aus Kriegs-Comics für seine Kunst zu nutzen. Den Künstler interessierte, wie der Comic, der zu dieser Zeit als kommerziell und wenig intellektuell galt, die Dynamik einer Explosion darstellte. Die 1960er-Jahre waren aber auch eine Zeit, in der die Gefahr eines Atomkrieges viele Menschen beschäftigte – 1962 war das Jahr der Kubakrise. Lichtenstein nutzte in einigen Explosionsbildern auch Lautmalerei, wie sie in Comics üblich ist. Diese Werke tragen Titel wie „Varoom!“ oder „Whaam!“. In „Whaam!“ wird die Explosion im Zusammenhang mit Kriegshandlungen und Kampfflugzeugen dargestellt. Ab 1964 stellte Lichtenstein auch Skulpturen mit den Motiven seiner Explosionsbilder her.

Roy Lichtenstein, Explosion No.1, 1964, Image via artblogcologne.com

ANDY WARHOL

Andy Warhol beschäftigte sich auf unterschiedliche Weise mit dem Motiv der Explosion. Zu seiner Serie „Death and Disaster“ gehört das Werk „Atomic Bomb“ aus dem Jahre 1965. Es zeigt in schwarz und rot die Zeitungsfotografie eines Atompilz in 28-facher Wiederholung. Direkter als sein Kollege Lichtenstein geht er damit auf die Thematik des Kalten Krieges ein. Eine Serie multimedialer Performances, die Warhol 1966/67 gemeinsam mit der Rockgruppe The Velvet Underground und der Sängerin Nico gestaltete, trug den Titel „Exploding Plastic Inevitable“. Während der Performance überschütteten die Künstler ihr Publikum mit aggressiver Musik, grellem Licht, psychedelischen Bildern und wildem Tanz. Außerdem reihte sich Warhol 1985 mit seinem Werk „Vesuvius“ in eine lange Reihe von Künstlern ein, die den ausbrechenden Vulkan Vesuv in Italien darstellen.

Andy Warhol, Atomic Bomb, 1965, Image via saatchigallery.com

JOHAN CHRISTIAN CLAUSEN DAHL

Warhol war nicht der erste Künstler den der Ausbruch des Vesuvs in seinen Bann zog. Zu Zeiten des Klassizismus gehörte es für jeden Italienreisenden zum Pflichtprogramm, den Vesuv zu erklimmen. Der norwegische Landschaftsmaler Dahl hatte bei seinem Neapel-Aufenthalt 1820/21 sogar das Glück, Augenzeuge des Naturschauspiels zu werden. Seine vor Ort gefertigten Skizzen setzte er später in einer Reihe von Ölgemälden um. Die Explosion des Vulkans wird bei Dahl aber nicht als ein furchteinflößendes Naturereignis dargestellt. Vielmehr spiegelt sich in dem Gemälde das aufblühende Interesse an der wissenschaftlichen Beobachtung der Natur- und Erdgeschichte, das in der Gründung der Geologie als moderne eigenständige Wissenschaft kulminierte.

Johan Christian Clausen Dahl, Der Ausbruch des Vesuv im Dezember 1820, 1826, Image via digitalesammlung.staedelmuseum.de

NAOYA HATAKEYAMA

Der japanische Fotograf Naoya Hatakeyama fotografierte seit den frühen 1980er-Jahren Japans Kalkstein-Abbau. Er selbst ist in der Nähe der Abbaugebiete aufgewachsen, sein Vater arbeitete in einer Kalksteinfabrik. Seit 1995 fotografiert Hatakeyama auch die Sprengungen beim Abbau aus nächster Nähe, die er in der Serie „Blast“ veröffentlichte. Um diese gefährlichen Aufnahmen zu machen, arbeitete der Künstler eng mit einem Sprengmeister zusammen, der exakt berechnete wohin die Splitter fliegen. Das Resultat zeigt die menschlichen Fähigkeiten, Natur zu verändern. Hatakeyama begreift diese Zerstörung als etwas Natürliches. Denn alles wandelt sich, auch die Natur: die Korallen etwa, die vor 200 bis 400 Millionen Jahren im warmen äquatorialen Ozean lebten wurden zu Kalkstein und dieser wird nun zu Beton.

Naoya Hatakeyama, A BIRD/Blast #130, 2006, Image via pier24.org

VHILS

Der portugiesische Künstler Alexandre Farto, alias Vhils, sprengt Gesichter in die Stadt. Zuerst meißelt er eine Zeichnung in eine Hauswand, befestigt Sprengstoff auf der offenen Fläche, verputzt alles und löst dann die Sprengung aus. Dabei spielt er mit dem Konzept des Vandalismus: Er möchte zerstören, um etwas zu kreieren. Immer bewusst ist ihm, dass seine Arbeiten meist wieder entfernt werden, diese ephemere Qualität gehört jedoch zum Arbeiten auf der Straße. Wichtiger als das fertige Bild, ist ihm die Explosion – die Performance –, welche er filmisch festhält. Die Entstehung durch Explosion, die plötzliche Wandlung einer Hauswand zu einem Bild, bestimmt die Wirkung des fertigen Werkes.

Vhils, Hell's Half Acre, Old Vic Tunnel, London, 2010, Image via zeit.de

CAI GUO-QIANG

Der chinesische Künstler Cai Guo-Qiang „zeichnet“ mit Explosion und Verbrennung. Die Entstehung der riesigen Zeichnungen ist selbst ein Happening, so zum Beispiel geschehen in der Turbine Hall der Tate Modern in London im Jahre 2003. Auf dem Boden wird Japanpapier als Bildträger ausgelegt, welches Cai Guo-Qiang mit Schablonen und mit bis zu 15 verschiedenen Sorten Schießpulver bedeckt um Motive durch Schmauch- und Brandspuren entstehen zu lassen. Der Künstler entflammt die Zündschnur und in Sekunden verschwindet das Werk unter einer großen Rauchwolke. Das Ergebnis ist eine Komposition von Planung und Zufall. In China gehören Sprengungen zum Alltag, wie Cai Guo-Qiang erklärt: jeder bedeutende gesellschaftliche Anlass, ob gut oder schlecht – Hochzeit oder Beerdigung – wurde durch die Explosion von Feuerwerk begleitet.

Cai Guo-Qiang, Mr Ye Who Loves Dragon, 2003, Image via tate.org.uk

LOS CARPINTEROS

Die kubanische Künstlergruppe „Los Carpinteros“ produzierte bereits mehrere skulpturale Standbilder von Explosionen. So zum Beispiel 2008 in der Londoner Hayward Gallery ein Zimmer aus IKEA Möbeln, welches von einer imaginären Explosion zerrissen wird. Wände, Möbel und Schmutz schweben in der Luft. Es ist, als ob die Zeit während der Explosion stehen geblieben wäre und der Besucher mitten durch diesen Stillstand laufen kann. Die Deutungsmöglichkeiten, die die beiden Künstler geben, reichen vom privaten Szenario einer Ehe, die in die Brüche gegangen ist, bis zum Näherrücken politischer Konfliktherde, die auch vor der „Ersten-Welt“ – der „IKEA-Welt“ – nicht mehr halt machen.

Los Carpinteros, Show Room, 2008, Image via mymodernmet.com

PETER HALLEY

Halley nutzt das Motiv der Explosion bereits seit 1983. Erstmalig zu sehen ist dies in seiner animierten Videoarbeit „Exploding Cell“, die in der SCHIRN gezeigt wird. Das Video zeigt eine Zelle, die sich gerade im Prozess der Veränderung befindet – sich mit Gas füllt bis sie explodiert. Halley beschäftigte in den 1980er-Jahren die Thematik des Kalten Kriegs und nuklearer Bomben. Die explodierende Zelle stand ursprünglich in Verbindung mit der negativen Assoziation der Vernichtung. Das Motiv wurde zu einem Bestandteil in Halleys Oeuvre, allerdings verlor sie den historischen Bezug und der Künstler interessierte sich mehr und mehr für den symbolischen Charakter von Explosivität. Die Explosion steht im Kontrast zu einem anderen wichtigen Motiv Halleys: den geometrischen Formen. Während die geometrischen Formen für das Eingesperrt sein und eine sich nicht ändernde Ordnung stehen, kann die Explosion als Symbol der Veränderung oder Transformation gelesen werden.

Peter Halley, Digital Animation, Filmstill, 1983, Copyright Peter Halley