04. Oktober 2017

Eine düstere deutsche Krimiserie in den atemberaubenden Kulissen der Weimarer Republik unter der Regie von Tom Tykwer kommt ins Fernsehen.

Von Jens Balkenborg

Die Weimarer Republik ist eine wackelige Zeit des Dazwischen und zugleich produktives Vakuum: Während der Erste Weltkrieg noch im Nacken hängt und der Nationalsozialismus lauert, floriert die Kunstwelt und die Industrialisierung verändert die Lebens- und Arbeitswelt in ihren Grundfesten. Auf die Nachkriegskrisenjahre folgt mit den „Golden Twenties“ eine Zeit der verhältnismäßigen Stabilität und der aufblühenden Vergnügungsindustrie. Berlin war bereits damals am Puls der Zeit, eine Großstadt in Aufruhr und Aufbruchstimmung. Walter Ruttmann setzte der Stadt 1927 in seinem berühmten Dokumentarfilm „Berlin – Die Sinfonie der Großstadt“ ein Denkmal und fing den industriell getriebenen Zeitgeist in für die damaligen Verhältnisse atemberaubenden Aufnahmen ein.

Jetzt kommt mit „Babylon Berlin“ eine Serie ins deutsche Fernsehen, in der dieses Berlin der Zwanziger ein, wenn nicht der Protagonist ist. Es ist die erste deutsche Serie überhaupt, die sich erzählerisch mit den politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen in der Weimarer Republik auseinandersetzt und den berüchtigten Tanz auf dem Vulkan vor aufwändiger Kulisse, verpackt in einer Kriminalgeschichte, zum Leben erweckt. 16 Folgen à 45 Minuten, die in zwei Staffeln ausgestrahlt werden, soll es geben. „Babylon Berlin“ eilt dabei ein glamouröser Ruf voraus: es ist die teuerste deutsche Serie bis jetzt mit einem Budget von 40 Millionen Euro; finanziert unter anderem durch die erstmalige Zusammenarbeit zwischen öffentlich-rechtlichem und Bezahlfernsehen, konkret von ARD und Sky; geschrieben und umgesetzt von Hendrik Handloegten, Achim von Borries und dem deutschen Hollywoodexport Tom Tykwer nach einer Vorlage des Bestsellerautors Volker Kutscher; vor der Kamera ein prominenter Cast, darunter Lars Eidinger, Peter Kurth, Hannah Herzsprung, Benno Fürmann, Karl Markovics, um einige zu nennen. 

Die Stadt der Sünde 

„Atmen sie ganz tief ein und wieder aus“, schnurrt gleich zu Beginn der ersten Folge von „Babylon Berlin“ ein Hypnotiseur. Es folgt ein assoziativer Bilderreigen voller zukünftiger Ereignisse, später dann eine Kreis-Aufblende – dieses nostalgische Schmankerl wird am Anfang jeder Folge stehen – und man ist mittendrin im Berlin des Frühjahrs 1929, die „Golden Twenties“ liegen in den letzten Zügen. Der Titel der Serie ist Programm: Dieses Berlin ist ein Moloch; Sünde, Korruption und Gewalt lauern, wie im Mythos um die biblische Stadt, hinter jeder Ecke. Hauptfigur ist der Kölner Kommissar Gereon Rath, gespielt von Volker Bruch, der übrigens auch den Audioguide zur Ausstellung zur Weimarer Republik in der SCHIRN spricht. Als vom Krieg traumatisierter Ermittler macht er in der Hauptstadt Jagd auf einen Pornoring und dessen mafiöse Hintermänner. An seiner Seite Bruno Wolter von der Sitte, gespielt vom fantastischen Peter Kurth, der mit seiner Berliner Schnauze immer einen Spruch parat hat: „So, meine Damen und Herren, alle in der Reihe aufstellen, die Genitalien eingesammelt und Schnauze dicht.“

Regisseur Tom Tykwer am Set von Babylon Berlin, X Filme
Babylon Berlin, X Filme

Dann sind da noch die hübsche und selbstbewusste Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries), die sich und ihre verarmte Familie mit Gelegenheitsjobs bei der Polizei und unmoralischen nächtlichen Aktivitäten über Wasser hält, eine Horde roter Russen, die einen Zug mit wichtiger Ladung erwartet und dabei verschiedene zwielichtige Interessen verfolgt, ein korrupter Restaurantchef und ein schmarotzender österreichischer Autor. Nicht zu vergessen der schrullige Kölner Apotheker, der sich über seine frigide Charlottenburger Ehefrau aufregt: „Ja, die tun ja immer ganz freizügisch, aber gegen ne eschte Kölner Mu können Sie die alle vergessen!“ 

Weimarer Republik 2.0 

In den ersten vier Folgen, die der Verleih zur Vorberichterstattung zur Verfügung  gestellt hat, wird das am Zenit der Industrialisierung stehende Berlin der ausgehenden Weimarer Republik mosaikartig in den unterschiedlichen Handlungsfäden reanimiert. Der Erste Weltkrieg sitzt buchstäblich noch in den Knochen der Hauptfigur und ist stets präsent, historische Ereignisse, wie etwa die von der Kommunistischen Partei Deutschland organisierten Arbeiterproteste, die als „Blutmai“ Geschichte schrieben, werden aufgegriffen und auch der Kontrast zwischen bitterer Armut und exzessivem Luxus dieser Zeit, die Schere zwischen Glanz und Elend, ist jederzeit spürbar.

Liv Lisa Fries, Babylon Berlin, X Filme
Volker Bruch, Babylon Berlin, X Filme

Oft taucht die Serie in das schillernde und verruchte Nachtleben ein, zu dem der damals aus den Staaten importierte Jazz den Takt vorgibt, während die Prostituierten in neuer sexueller Freiheit ihre betrunkenen Freier in den Keller locken. Die aufwändig inszenierten und choreographierten Szenen lassen uns Zeugen der gelebten Dekadenz am Vorabend des Schwarzen Donnerstag der New Yorker Börse im Oktober 1929 werden, der kurze Zeit später die Weltwirtschaft in die Krise reißen wird. Wie weit „Babylon Berlin“ den erzählerischen Bogen in der zum Untergang geweihten Demokratie spannt und welche weiteren historischen Ereignisse noch aufgegriffen werden, ist bisher nicht bekannt. 

Budenzauber und Poesie 

Gedreht wurde „Babylon Berlin“, neben einigen Originalschauplätzen in Berlin und Nordrheinwestfalen, größtenteils in der Außenkulisse „Neue Berliner Straße“ im Studio Babelsberg, entworfen von Tom Tykwers Stammszenenbildner Uli Hanisch. Tykwer, Handloegten und Borries lassen die einzelnen Fäden der Geschichte mit teils geschicktem Suspense von der Rolle, den einen mehr, den anderen weniger, es gibt Überkreuzungen und parallele Entwicklungen, ganz im Geiste der großen horizontal erzählten Serien von der anderen Seite des Atlantiks. Gerade im Pilotfilm fährt das Regietrio verdammt groß auf. In dieser Etablierungsphase, die viele Serien auf ihre eigene Art und Weise benötigen, bevor es in einen inhaltlich und ästhetisch gesetzteren Gang geht, bauen die Drei ein ums andere Mal auf Budenzauber und überdosieren einige Ingredienzien. Da gibt es etwas zu viel Sünde und gewollt coolen hardboiled Charme, ein paar unnötige Klischees, einige früh vorhersehbare und dennoch bedeutungsaufgeladene Entwicklungen und einen Hang zur Befriedigung der Schaulust, der nicht immer sein Ziel erreicht.

Babylon Berlin, X Filme
Babylon Berlin, X Filme

Und doch ist alles das spannend anzusehen, weil die vielen interessanten Charaktere, Handlungsfäden und historischen Verbindungen ein starkes Fundament für eine ausgedehnte Erzählung bieten, die schließlich ihren optimalen Modus zu finden scheint. Man spürt förmlich das Durchatmen in einer wunderbaren Szene, in der zunächst ein Junge seinen taubstummen Eltern einen Radiobeitrag übersetzt und dann Gustav Mahlers „Und ich bin der Welt abhanden gekommen“ zur akustischen Klammer für das visuelle Nebeneinander der verschiedenen Akteure wird. Ein Ruhepol voller Poesie in einer Serie, die zu etwas Größerem werden könnte. So hat man den Tanz auf dem Vulkan jedenfalls noch nicht im deutschen Fernsehen gesehen.

Babylon Berlin, © Frédéric Batier, X Filme