08. Dezember 2017

Der Kinofilm "Leaning Into The Wind" über den britischen Landart-Künstler Andy Goldsworthy gleicht einer gelungenen Meditation über Vergänglichkeit.

Von Jens Balkenborg

Manchmal gibt es diesen Moment beim Verlassen des Kinos, in dem sich Wirklichkeit und Film kurz berühren. Da schleicht sich die Dunkelheit des Saals mit hinaus, um dann schnell wieder hinter der sich schließenden Tür zu verschwinden. Nach den 90 Minuten von „Leaning Into The Wind - Andy Goldsworthy“ gibt es genau einen solchen Moment, wenn auf das völlig entschleunigte und zumeist in der Natur gefilmte Porträt des Künstlers Andy Goldsworthy plötzlich der Straßenlärm der wummernden Realität folgt. Da möchte man solchen Sätzen wie „Ich mag graue, ruhige Tage“, die Goldsworthy von sich gibt, kurzzeitig nur zu gerne beipflichten.

„Leaning Into The Wind“ ist nach „Rivers and Tides – Andy Goldsworthy Working With Time“ der zweite Film, in dem sich Kameramann und Regisseur Thomas Riedelsheimer dem Künstler widmet, der zu den bekanntesten der Land-Art-Szene gehört. Über zehn Jahre gingen nach „Rivers and Tides“ ins Land, bevor die beiden sich 2011 in Schottland wieder trafen und klar war, dass sie einen weiteren Film zusammen machen wollen. Hier trifft also Bewährtes aufeinander, denn Goldsworthy ist der sympathische Exzentriker geblieben und Riedelsheimer versteht sich darauf, die Aura außergewöhnlicher Künstlerpersönlichkeiten und ihrer Werke mit ruhigem Blick einzufangen, wie es ihm etwa auch in „Breathing Earth“ und „Touch the Sound“ gelang.

Aus der Welt gefallen

„Leaning Into The Wind“ ist so etwas wie ein dokumentarisches Sequel, das den hypersensiblen Naturliebhaber und -romantiker Goldsworthy und seine Arbeit in einer späteren Lebensphase zeigt. Riedelsheimer und der Künstler meditieren, begleitet vom ebenfalls gesetzten Soundtrack von Fred Frith, über Vergänglichkeit. Visuell findet das Thema gleich zu Anfang ein Pendant, wenn sich auf einem von Goldsworthy mit Lehm umschlossenen Baum im Zeitraffer Risse, man könnte fast sagen: Falten bilden. Und es zieht sich durch den gesamten Film, wenn Goldsworthy mehrfach bei Regen auf dem Boden liegt und seine schnell wieder verschwindenden Regenschatten hinterlässt oder an seinen Lieblingsort in den Wald zurückkehrt und dort einen toten Baumstumpf, mit dem er seit längerem arbeitet, mit Blättern und Ästen schmückt.

Leaning into the wind, © Arne Höhne Presse

Zu keiner Sekunde wird ein Hehl daraus gemacht, dass Goldsworthy ein aus der Welt gefallener Typ ist, der mit jeder Faser seines Körpers in der Entschleunigung lebt. Gelegentlich schmecken seine Anekdoten und Reminiszenzen nach Kalenderblatt-Lebensweisheiten, stimmt der Film insgesamt einen arg romantisierenden Ton an. Das ist aber vergessen, sobald Goldsworthy, sei es in der Stadt oder in seiner ländlichen schottischen Heimat, wieder wie Spiderman durch eine lange Hecke klettert oder mit kindlicher Neugier und handwerklichem Geschick an seinem nächsten Werk arbeitet. Visuell eindrucksvoll und einprägend sind seine aus Steinen, Ästen oder Blättern bestehenden Arbeiten immer.  

Klarheit im Chaos

Es ist eine recht einseitige Utopie, die Riedelsheimer und Goldsworthy hier formulieren, denn die eigentliche Kunstwelt spielt in ihrem Film gar keine Rolle. Aber gerade durch diese Losgelöstheit bekommt „Leaning Into The Wind“ etwas parabelhaftes: Der Film ist nämlich benannt nach einer Arbeit, bei der Goldsworthy sich an schottischen Berghängen in den Wind lehnt und versucht, das Gleichgewicht zu halten. Er versucht genau den Punkt zu finden, an dem der Wind ihn trägt und kurzeitig alles in der Balance gehalten wird. Für Goldsworthy ein kurzer Moment der Klarheit im Chaos. Genau wie im richtigen Leben.

Leaning into the wind, © Arne Höhne Presse

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