15. Juni 2018

Die 10. Berlin Biennale wirft Fragen zur Kolonialgeschichte, weiblichem Protest und zwischenmenschlichem Zusammenhalt auf – mit facettenreichen Positionen und einer enormen Bildgewalt.

Von Julia Schmitz

Vor 20 Jahren sah es hier noch ganz anders aus: Als Klaus Biesenbach, Hans Ulrich Obrist und Nancy Spector 1998 zum ersten Mal die Berlin Biennale in der ehemaligen Margarine-Fabrik im Hinterhof der Auguststraße 69 organisierten, war zwischen den maroden Altbauten noch der scharfe Wind des Umbruchs und die unbändige Lust auf Experimente im Berlin der Nachwende zu spüren. Zwei Jahrzehnte später hat sich die Berlin Biennale etabliert und erweitert.

Die ehemalige Fabrik, heute Sitz des KW Institute of Contemporary Art, bleibt das Haupthaus, weitere Ausstellungsorte befinden sich in der Akademie der Künste am Hanseatenweg, im Pavillon der Volksbühne, im Hebbel am Ufer und im ehemaligen Güterbahnhof am Westhafen, wo das ZK/U (Zentrum für Kunst und Urbanistik) seinen Sitz hat. 46 KünstlerInnen und Künstlerkollektive sind hier unter der Frage versammelt, wie global ausgerichtete Biennalen für zeitgenössische Kunst in den nächsten 10 Jahren aussehen können.

Deutlich wird schnell: Diese Biennale mit dem sprechenden Titel „We don't need another hero“ legt – ähnlich wie ihre letzten beiden Vorgänger – den Schwerpunkt auf politische, gesellschaftliche und zwischenmenschliche Fragen, wie der sozialen und kulturellen Prägung durch die ethnische Herkunft, und scheut sich dabei nicht, die Grenzen der Kunst auszuloten. Dennoch tut sie das auf eine erfrischende und leichtfüßige Art, die man nach dem kuratorischen Statement, in dem u.a. von einem „aktuell weitverbreiteten Zustand einer kollektiven Psychose“, „Strategien der Selbsterhaltung“ und „toxischen subjektive Sichtweisen“ die Rede ist, nicht erwartet hätte.

Kuratorisches Team der 10. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst, v. l. n. r.: Thiago de Paula Souza, Gabi Ngcobo, Nomaduma Rosa Masilela, Yvette Mutumba, Moses Serubiri, Foto: F. Anthea Schaap

Wenn Grada Kilomba in ihrer Video-Perfomance „Illusions Vol. II, OEDIPUS“ Schwarz gekleidete Schauspieler die Geschichte der mythologischen Figur Ödipus nachspielen lässt, der Theben von der Sphinx befreite und im Anschluss ohne sein Wissen seine Mutter Iokaste heiratete, so braucht es keinen theoretischen Überbau: Die Themen Liebe, Verlust, Verrat und Mord sind offenkundig, ein erklärender Text wäre hier überflüssig.

Die Botschaft der Werke offenbart sich unmittelbar

Dieser Form des unbewussten Verstehens bedient sich auch die Künstlerin Okwui Okpokwasili, die im Obergeschoss des KW Institute einen Raum für politische Partizipation eingerichtet hat: Wer die Schuhe auszieht und den mit Plastikplanen umfassten und mit Laminat ausgelegten temporären Raum betritt, ist aufgerufen, ganz ohne vorgeschriebene Choreografie, in aller Ruhe zu atmen oder die Leere mit eigenen Gedanken und Geschichten zu füllen. „Sitting on a man's head“ nennt sich diese Form des Protestes südnigerianischer Frauen gegen partriarchalische Strukturen, die dem weiblichen Widerstand etwas zutiefst Würdevolles verleiht und sich nicht durch laute Aktionen, sondern durch stille Beharrlichkeit und Ausdauer auszeichnet.

Grada Kilomba, ILLUSIONS Vol. II, OEDIPUS, 2018, 2-Kanal-Video, Farbe, Ton, 32′, Installationsansicht, KW Institute for Contemporary Art, Berlin, Courtesy Grada Kilomba; Goodman Gallery, Johannesburg/Cape Town, Foto: Timo Ohler
Okwui Okpokwasili, Sitting on a Man’s Head, 2018, Installationsansicht, 10. Berlin Biennale, KW Institute for Contemporary Art, Berlin, Courtesy Okwui Okpokwasili, Foto: Timo Ohler

Eine gelungene Biennale zeichnet sich durch die Variation ihrer Arbeiten aus und so reicht die Bandbreite der gezeigten Werke auch in Berlin von unterschwellig politischen, über offensichtlich provokante bis hin zu im Kontext der anderen gesellschaftskritischen Malereien und Fotografien fast schon unbekümmerte Installationen.

Von gesellschaftskritischen Positionen über provokante Statements bis hin zu weniger politischen Werken ist alles dabei

Der Künstler Sam Samiee bespielt gleich zwei Räume im ZK/U mit seiner großflächigen, aus Malereien, Collagen und Papierarbeiten bestehenden Installation „A Map of the Sky“ und beschäftigt sich mit der Frage, inwiefern Künstler die Konflikte einer dreidimensionalen Welt auf einer zweidimensionalen Leinwand zum Ausdruck bringen können. Auch Tony Cokes erweitert die Grenzen der tradierten Kunstproduktion und unterlegt seine Video-Installationen kritischer journalistischer und wissenschaftlicher Zitate mit Popmusik und Techno, die den ohne jegliche Bilder gezeigten Worten eine neue Bedeutungsebene verleihen.

Sam Samiee, A Map of the Sky (from the series The Unfinished Copernican Revolution) (Detail), 2018, Courtesy Sam Samiee

Als die Kuratorin Gabi Ngcobo und ihr Team als Vorbereitung für die 10. Biennale KünstlerInnen aus der ganzen Welt zusammensuchten, ging es ihnen vor allem um die Geschichte des Kolonialismus und dessen Auswirkungen, die bis in die Gegenwart reichen. Ihnen ist es nicht nur gelungen, die facettenreichen Positionen zu einem visuell stimmigen Zusammenspiel zu arrangieren, sondern auch, dabei auf moralisierende Antworten oder die Inszenierung von Überlegenheit zu verzichten. Eben ganz getreu dem Motto: „We don't need another hero“.

Gabi Ngcobo, Kuratorin der 10. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst, Foto: Masimba Sasa